(Fast) Weiße Nächte in St. Petersburg

Freitag, 25.05.2012

Дорогие друзя/Liebe Freunde,

Es ist zwar irgendwie kaum zu glauben, aber nun liegen wahrhaftig schon wieder drei Monate Russland hinter mir! Nach dem großen Abschied und einer knapp 24-stündigen Zugfahrt ab Woronesch, erreichten wir am vergangen Samstag Russlands zweitgrößte Stadt – St. Petersburg. Die nördlichste Großstadt Europas, am finnischen Meeresbusen gelegen, hat mindestens so viele verschiedene Gesichter wie Namen: im Jahre 1703 durch Peter den Großen eben als Sankt Petersburg gegründet, erhielt die Stadt während des ersten Weltkrieges den nicht ganz so deutsch klingenden Namen Petrograd, wurde dann zum allgemein bekannten Leningrad und erhielt erst nach dem Zerfall der Sowjetunion seinen ursprünglichen Namen wieder. Heute ist die bei Touristen sehr beliebte Newa-Metropole auch als  Venedig des Nordens und Saint Pete bekannt, während Russen in der Regel nur von Piter sprechen.

Wie keine andere russische Stadt, spiegelt St. Petersburg den Glanz der vergangen Zarenzeit wieder: prachtvolle Kirchen und elegante Stadtschlösser zieren die Prunkstraßen entlang der Newa und den kleinen Flüssen und Kanälen, auf denen zahlreiche Boote Touristen durch die Gegend fahren. Gekrönt wird das ganze natürlich von der prunkvollen Eremitage (auch als Winterpalais bekannt) direkt am Ufer der Newa. Der ehemalige Wohnsitz der Zaren beherbergt heute eine der größten Kunstsammlungen weltweit. Leider sind wir nicht mehr in den Genuss gekommen, Werke von Matisse & Co zu bewundern, da wir aufgrund unseres straffen Sightseeing-Programms erst ganze fünf Minuten nach Kassenschluss dort waren… Vier Tage sind aber auch einfach zu wenig für diese Stadt, in der man so viel sehen und tun kann!!

mit Putin und Medwedew geht's auf nach St. Pete!! ;) unterwegs auf den Prachtstraßen St. Petersburgs  Boote auf der Mojka die Erlöser-Kathedrale und nochmal eine Detail-Ansicht Blick auf die Peter-Paul-Festung die Isaaks-Kathedrale Denkmal für Peter I, der Große (Eherner Reiter) die Eremitage der Schlossplatz mit der Eremitage bei Nacht  und der Torbogen auf der gegenüberliegenden Seite Nachts wenn die Newa-Brücken obenstehen... kannst du lustige Boote durchfahren sehen... ;) ach ja: die Metro-Stationen sind natürlich auch hier außerordentlich prachtvoll... und noch ein Beispiel... und so schaut's bei einer Metro-Fahrt dann aus... Man beachte bitte auch die typisch russische Schuhwahl der Damen...

So haben wir uns zum Beispiel zwei Tage lang den kaiserlichen Sommerresidenzen etwa außerhalb St. Petersburgs gewidmet: Schloss Peterhof und die Zarenpaläste in Zarskoje Selo („Zarendorf“, heißt heute eigentlich Puschkin) sind auf jeden Fall einen Besuch wert!  Letzteres ist vor allem für das legendäre Bernsteinzimmer bekannt, welches nun schon seit gut neun Jahren in neuem, rekonstruiertem Glanz erstrahlt. Schloss Peterhof (oder Petergof im russischen) kann zwar keinen Bernstein vorweisen, liegt dafür aber direkt an der Ostsee und ist vor allem für seine Wasserspiele und Fontänen bekannt. WENN denn dort nicht UNMASSEN von Touristen wären, könnte man das ganze auch ganz entspannt genießen… Nun, eigentlich ist es auch nicht verwunderlich, denn St. Petersburg ist eben aufgrund seiner prunkvollen Schlösser schon seit Jahren ein Touristenmagnet und – so kam es mir jedenfalls vor – wohl auch die einzige Stadt in  ganz Russland, in der man sich auch ohne Russisch-Kenntnisse zurechtfinden würde…  Leider ist von Souvenirs bis hin zu Nahrungsmitteln alles genauso gnadenlos überteuert wie in Moskau… Weinend

Besonders schön soll St. Petersburg zu den weißen Nächten sein – dann wird es hier, wie im hohen Norden der skandinavischen Nachbarn, nie wirklich dunkel. Für dieses Schauspiel waren wir zwar etwas zu zeitig, aber auch zum jetzigen Zeitpunkt ist es bis etwa 23:00 Uhr noch richtig hell - was  allerdings schnell dazu führt, dass man komplett das Zeitgefühl verliert…  Besonders zu empfehlen ist auch noch ein Spaziergang am Newa-Ufer nach 1:00 – da gehen nämlich nach und nach sämtliche Brücken hoch, um großen Schiffen und Frachtern die Durchfahrt in die Ostsee zu ermöglichen.

Frontansicht des Katharinnenpalasts in Zarskoje Selo und so bescheiden haben Zarens dann drinnen gelebt... ;)  hier noch ein Speisezimmer - im Bernsteinzimmer war knipsen dann natürlich verboten nochmal von der Seite... und noch ein Zarenschlösschen: Peterhof, dessen vergoldete Figuren auf den Springbrunnen mit der Sonne um die Wette strahlen die große Cascade von der Seite und etwas detaillierter auch schön ist der Ausblick von oben - der Kanal fließt direkt in die Ostsee der Neptun(?)-Brunnen in der weitläufigen Parkanlage des Schlosses und das keinere Schlösschen Mon Plaisir, in dem sich Peter der Große angeblich am liebsten aufgehalten hat (und sich zusammen mit Freunden den ein oder anderen Wodka gegönnt hat...)

Nach vier wunderschönen, aber auch ziemlich anstrengenden Tagen sind wir dann am Mittwoch mit dem Nachtzug wieder in die Hauptstadt gefahren und nun sitze ich nach zwei ebenfalls nochmals sehr erlebnisreichen Tagen am Airport, warte auf meinen Abflug nach good old Germany und sende euch noch mal ganz liebe letzte Grüße aus dem riesigen Land, dass man einfach nicht begreifen kann, sondern erleben muss! Zwinkernd

 Bis bald und ein schönes Pfingstwochenende!

Romina

Hauptstadtglanz kontra Provinzarmut

Sonntag, 06.05.2012

Hallo allerseits! Lächelnd

der ein oder andere hat ja schon bemerkt, dass ich mich in Woronesch für gut eine Woche rar gemacht habe, um die russische Hauptsadt unsicher zu machen und den sogenannten Goldenen Ring zu erkunden. Hier nun eine kurze Schilderung der letzten Woche:  Lächelnd

Vorletzten Freitag ging es mit dem Nachtzug in knapp elf Stunden durch die dunkle Nacht ins ferne Moskau. Solch lange Zugfahrten sind in Russland sehr beliebt und bieten auch einige Vorteile: sie sind allemal sicherer als Flugzeuge, in der Regel recht günstig und auch einigermaßen komfortabel. Letzteres liegt vor allem daran, dass man eine richtige Schlafgelegenheit hat: im russischen nennt sich diese Polka, was normalerweise mit Regal übersetzt wird. Nun, viel mehr ist es eigentlich auch wirklich nicht - eine ziemlich schmale und kurze Liege, aber besser als nichts. Natürlich gibt es unterschiedlich Klassen: das Kupe genannte 4er-Abteil ist natürlich recht komfortabel und sicher, da man seine Tür hinter sich zuziehen kann und seine Ruhe hat. Leider ist dies natürlich die kostspieligere Variante. Als armer Student entscheidet man sich daher natürlich für die Holzklasse, die sogenannte Platzkarta - einen vollkommen offenen Wagon, der nur durch einige Trennwände den Eindruck erweckt, es handele sich um separate 6er-Abteile. Im Prinzip ist das aber auch nicht schlimm - man sollte aber natürlich besondere Acht auf seine Wertsachen legen. Ach ja: die Mitnahme von Oropax ist  natürlich auch äußerst empfehlenswert... Zwinkernd

im Zug nach Moskau die Betten

Am Samstag morgen kamen wir - natürlich auf die Minute genau pünktlich - in der riesigen Metropole an: in Moskau leben heute offiziell ca. 15 Million Menschen - inoffiziell dürften es mittlerweile etwa 20 Millionen seien. Moskau unterscheidet sich aber nicht nur durch die enorme Größe seiner Einwohnerzahl vom Rest des Landes - natürlich ist die Stadt auch das politische, administrative und religiöse Zentrum des Landes und tickt in einem ganz anderen, viel europäisch-modernen Takt als der Rest des Landes. Und auch wenn mir Moskau bei diesem Besuch (im Gegensatz zu meinem ersten Besuch vor knapp drei Jahren) sehr gut gefallen hat - Moskau ist nicht Russland! Die Hauptsadt sonnt sich im Reichtum des Landes (dem Erdöl und anderen Schätzen aus dem fernen Sibirien) und vereint Prachtbauten aus der Zarenzeit, prunkvolle Kirchen und sowjetischen Stil mit neuen Hochhäusern und amerikanischen Fast-Food-Ketten zu einem beeindruckenden Stadtbild. Eigentlich kein Wunder, dass der kulitivierte Moskauer den Rest des Landes als Provinz bezeichnet und höchstens St. Petersburg als ebenbürdig empfindet. Kein Wunder aber auch, dass Moskau und die Moskauer bei den Provinzlern andererseits ebenfalls nicht so beliebt sind. Und während die meisten Moskauer nun Petersburg mögen, mögen die Petersburger Moskau natürlich nicht. Ganz schön kompliziert, was? Zwinkernd Ich habe deswegen beschlossen, es mir etwas einfacher zu machen: ich mag alles! Lächelnd 

Zu sehen und zu erleben gibt es in Moskau natürlich eine ganze Menge!! Fangen wir zum Beispiel mal mit der Moskauer Metro an: diese fährt wirklich sehr tief unter der Erde, was den gestressten Hauptsädter oft dazu bringt, ein Buch, die Klatschzeitschrift oder das Smartphone aus der Tasche zu holen, um die lange Fahrt mit der Rolltreppe hinab in die Tiefe auch sinnvoll zu nutzen. Unten angekommen sieht man an vielen Stationen, vor allem im Stadtzentrum sehr prunkvolle, teilweise mit (Lenin-)Mosaiken verzierte Marmorwände, Bögen und Kronleuchter. Das hat den Hintergrund, dass die Metro-Stationen unter Lenin und besonders unter Stalin quasi als Palast des Volkes ausgebaut worden - der kleine Arbeiter sollte sich nämlich auf seinem Heimweg an Glanz und Gloria der Sowjetmacht erfreuen können.

Zu den klassischen Sehenswürdigkeiten der Stadt gehören natürlich der Kreml und der Rote Platz samt Lenin-Mausoleum, GUM und der Basilius-Kathedrale mit ihren bunten Zwiebeltürmchen. Der Besuch des Lenin-Mausoleums ist übrigens kostenlos (man muss nur Kamera, Handys & Co vorher für ein paar Rubel abgeben) und recht interessant, wenn man bedenkt, was für ein Kult auch knapp 90 Jahre nach seinem Tod noch  besteht! Der russische Staat investiert nämlich jährlich eine riesige Summe in die Konservierung der prominenten Leiche, die natürlich auch Tag und Nacht bewacht wird. Genosse Stalin lag nach seinem Tod übrigens auch einige Jahre im Mausoleum, wurde dann aber von seinem Nachfolger Chruschtschow wieder hinausbefördert und an der Kremlmauer beigesetzt.

Nach einem Sightseeing-Tag bei herrlichstem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen, sind wir dann am Sonntag zu unserer 3-tägigen "Golden-Ring-Tour" aufgebrochen - wirklich begeistert waren wir davon aber wohl alle nicht. Das lag zum einen am Wetter, das plötzlich kalt und nass war, aber auch an den russischen Führungen, bei denen wir kaum etwas verstanden haben und an der Eintönigkeit der Exkursion - irgendwann kann man dann doch keine jahrhunderte alten Kirchen und Klöster mehr sehen. Am interessantesten fand ich den Kontrast zum pompösen Moskau, denn in den Städten entlang des Goldenen Rings zeigt sich wieder ein ganz anderes Bild Russlands - eines, dass von Armut und Landflucht geprägt ist. Bei manch einem kleinen Dörfchen, dass wir passierten, gab es wahrscheinlich noch nicht einmal Strom und fließendes Wasser in den Häusern, oft sah man auch nur ältere Leute vor ihren kleinen Holzhäuschen im Garten arbeiten, viele Hütten waren verlassen und schon halb zerfallen, die Straßen von Schlaglöchern durchsät und der Müll achtlos im Wald verstreut. Und zwischen dem ganzen dann immer wieder weiße und backsteinrote Kirchen mit farbigen oder gold glänzenden Zwiebelkuppeln, die so charakteristisch für diese älteste Region Russlands sind. Zu den Städten, die wir besichtigten und die zum großen Teil direkt an der Wolga liegen, gehörten unter anderem Rostow Welikij, Myschkin und Jaroslawl, das vor kurzem sein 1000-jähriges Bestehen feierte.

eine Kirche in der kleinen Stadt Uglitsch Denkmal für den Nationalhelden Alexander Newski vor einer Kirche die höchsten Erhebungen sind in Russland oft die Kirchtürme... Denkmal für den unbekannten Soldaten und ewige Flamme in Myschkin ärmlichere Gegend in Myschkin Kirche in Jaroslawl in der Kirche mhm... schöner Entenbraten... ;)

Am Dienstag Nachmittag kehrten wir der Provinz dann wieder den Rücken zu und waren happy, am Mittwoch Morgen wieder unseren vollkommen überteuerten Kaffee auf dem Arbat - einer quirligen kleinen Fußgängerzone im Herzen der Stadt - schlürfen zu können. Die letzten zwei Tage in Moskau waren noch einmal klasse - super Wetter, Sightseeing, Bars und Nachtklubs und - scheinbar ein Loch im Portemonnaie... Geld  Moskau ist leider wirklich unglaublich teuer, von diesem Standpunkt aus betrachtet, war es dann ganz gut, dass Donnerstag Abend der Zug Richtung Provinz Woronesch mit uns an Bord wieder aus Moskau abfuhr. Sonst wäre ich aber gerne noch länger geblieben und freue mich schon auf Ende Mai, wenn ich nochmal die letzen zwei Tage in Moskau verbringen kann! Lachend

Nun aber natürlich noch die klassischen Moskauer Touri-Fotos: Zwinkernd

eine der Metro-Stationen in Moskau  historisches Museum am Roten Platz - hier wird schon für den 9.Mai, den Tag des Sieges aufgebaut Väterländischer Krieg - hier die gängige Bezeichnung für den Zweiten Weltkrieg     Roter Platz: links - Kreml, rechts das Nobelkaufhaus GUM Blick auf das Lenin-Mausoleum vor der Kremlmauer der bekanntest der vielen Kreml-Türme Russlands wohl bekannteste Kirche: die Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz und noch einmal! im Kaufhaus GUM auch hier wieder das Grabmal des unbekannten Soldaten mit EhrenwacheSabwej in China-Town - weisste Bescheid... ;)Kontraste auf dem Neuen Arbatund der etwas idyllischere (alte) Arbat Blick auf den Kreml aus der Ferne das bei den Moskauern eher unbeliebte Denkmal für Zar Peter den Großen    das weiße Haus in Moskau - Sitz des Premierministers na, wer findet die Angie-Merkel-Matrioschka??? ;)

So, nun reicht's aber für heute!! Zwinkernd

Liebe Grüße aus dem sommerlichen Russland!

Romina/Ramina

Als die Außerirdischen Ostern feierten...

Sonntag, 22.04.2012

Liebe Freunde sommerlicher Temperaturen und endloser Sonnenstrahlen! Cool

Wie es aussieht, bin ich wohl momentan diejenige, die von Mutter Natur bevorzugt wird - und das nicht unerheblich! Die schlagartige Änderung der Temperaturen bringt mich wieder einmal zu einer neuen Erkenntnis - nämlich der, dass es in Russland nur zwei Jahreszeiten gibt: Sommer und Winter. Der Sommerbeginn kam pünktlich zum russisch-orthodoxen Osterfeste über das Riesenreich. Im Prinzip ein perfektes Timing, denn ich war - zusammen mit den beiden Österreicherinnen - von Katja, einer ganz lieben russischen Studentin, eingeladen, dass Osterwochenende auf ihrem Heimatdorf zu verbringen. Und es war wirklich das schönste Wochenende seit meiner Ankunft hier!! Lachend

Allein die Zugfahrt war schon sehr interessant. So muss man zum Beispiel wissen, dass Zeitangaben (die in Russland ja sonst eher eine Art Richtwert darstellen) beim Zugverkehr penibel eingehalten werden: im Gegensatz zur Deutschen Bahn sind russische Züge nämlich immer pünktlich!!  Das liegt ganz einfach daran, dass die Fahrtzeiten hier sehr großzügig kalkuliert werden - und ist ein Zug dann einmal überpünktlich, so wird einfach wenige Meter vor dem Bahnhofsgelände noch einmal gehalten, um dann auf die Minute genau pünktlich einzufahren, triumphierend zu hupen und  gnädigerweise auch sogleich die Türen zu öffnen, um den wartenden Passagieren den Einstieg zu ermöglichen. Übrigens wird in allen russischen Bahnhöfen nach Moskauer Zeit gefahren - wer sich also in einer anderen der neun Zeitzonen befindet, sollte beim Studieren der Bahnpläne lieber zweimal überlegen, wann er nun eigentlich am Bahnhof sein muss. Zwinkernd

Komfortabel sind die Elektritschkas (Regional-Züge) zwar nicht unbedingt, dafür aber praktisch, unglaublich günstig und einfach eine nette Abwechslung zur Deutschen Bahn.  Es kann auch vorkommen, dass kleine Kätzchen plötzlich den Gang entlanglaufen, dir zwei Minuten vor Ankunft in der Endhaltestation schließlich eine Zeitung zum Kauf angeboten wird und du beim Blick aus dem Fenster schon mal den ein oder anderen Zeitgenossen beobachten kannst, der auf der ruhigen, sauber und gemütlich wirkenden Bahnhofstreppe seinen Rausch ausschläft.

Eine Zugfahrt, die ist lustig, eine Zugfahrt, die ist schön... Elektritschka im Bahnhof von Grjasi   Öffnungs- und Pausenzeiten am Bahnhof müssen hier nicht immer Sinn ergeben...

Nach knapp drei Stunden kamen wir in Grjasi (russisch: Грязи) an, einer Kleinstadt rund 150 km von Woronesch entfernt. Von dort aus ging es direkt mit Katjas Papa nach Petrowka, einem kleinen Dorf mit etwa 600 Einwohnern. Man kann sich Petrowka wie ein richtiges russisches Dorf vorstellen, also mit Hühnern, die auf den Straßen umherlaufen und Brunnen, aus denen noch täglich das Trinkwasser geholt wird. Petrowka ist auch ein Dorf, in dem die Mehrheit der Bewohner  von der Existenz außer-russischen Lebens höchstens im Fernsehen erfahren hat. Folglich waren wir drei Ausländerrinnen das Gesprächsthema überhaupt. Nicht selten wurden wir von neugierigen Blicken verfolgt und kamen uns ein bisschen wie Außerirdische bei ihrer ersten Landung auf dem Planeten Erde vor...   Zwinkernd

Von Katjas Familie wurden wir aber aufs Herzlichste Willkommen geheißen und das ganze Wochenende über komplett verwöhnt. Vor allem mit sehr viel und sehr gutem Essen!!! Lachend Katjas Mama ist nämlich eine hervorragende Köchin, die nicht nur Köstlichkeiten aus der russischen Küche zauberte, sondern auch aus der zentralasiatischen, denn die Familie lebte viele Jahre auch in Kirgistan. Neben Okroschka (einer kalten Sommer-Suppe), Krabbensalat und Manti (gefüllte Teigtaschen, ähnlich Pelmeni, aber mithilfe von Wasserdampf gegart) gab es dann natürlich auch reichlich Kulitsch - den tradtionnellen russischen Osterkuchen. Dabei handelt es sich um eine Art Hefekuchen mit Nüssen oder Rosinen und dieses leckere Gebäck gehört seit jeher genauso zum russischen Osterfest wie gefärbte Ostereier. Gläubige gehen natürlich in die Kirche, bzw. laufen in der Nacht vom Samstag auf den Ostersonntag um sie herum. Haben wir aber nicht gemacht. Abgesehen davon, dass niemand streng religiös war, gab es in Petrowka auch gar keine Kirche... Zwinkernd

  Lecker Essen :)... und wieder Essen :)) und nochmal Essen! :D Kulitsch (russisch: Кулич) noch mehr Kulitsch

Neben dem Essen haben wir die Zeit natürlich mit Russisch lernen verbracht. Zwinkernd Na ja... okay. Nicht wirklich... Wir haben viel mit Katjas kleiner Nichte Veronika gespielt, waren spazieren und haben auch Katjas Babuschka (Oma) einen Besuch abgestattet.Das war natürlich auch ziemlich interessant, denn nach der obligatorischen Frage danach, ob wir denn verheiratet wären, hat Babuschka uns auch ihre sehr interessante Auffassung zum Thema Gott und Religion näherbringen wollen... Zum Glück hat sie nicht erfahren, dass eine Atheistin in ihrem Haus war, sonst müsste sie es jetzt vermutlich vom Geiste der Ungläubigen reinigen oder so... Zwinkernd

Petrowka P-E-T-R-O-W-K-(A) am Tag unserer Ankunft waren manche Wege noch ein bisschen matschig  ein Weg in Petrowka   auch interessant: die Gasleitung verläuft einmal querr durch das Dorf - natürlich in praktisch russischer Bauweise, damit auch der LKW durchpasst... ;) Kinder beim Spielen vor der Schule Felder in der Umgebungnach anfänglicher Skepsis hat sich auch Klein-Veronika mit den außeridischen Tanten angefreundet... :)

Am Montagmorgen konnten wir dann noch Katjas ehemalige Schule besuchen: die besteht derzeit nur noch aus 50 Schülern von der 1. bis zur 9. Klasse... Die Klassen sind also ziemlich klein, aber die Schüler gut erzogen - die Kleineren sind sogar aufgestanden, als wir in den Klassenraum gekommen sind...  Zwinkernd Ich soll übrigens liebe Grüße an Deutschland und an Angela Merkel ausrichten - dem bin ich hiermit nachgekommen. Und liebe Frau Merkel - wie Sie sehen, sind Sie selbst in kleinen russischen Dörfern ziemlich populär!! Unglaublich! Zwinkernd

Leider ist die Zeit auch viel zu schnell vergangen nach Schulbesuch am Montagmorgen mussten wir auch schon wieder unsere Sachen zusammenpacken und die Rückreise nach Woronesch antreten.

Wir wären wohl alle lieber noch eine Weile in Petrowka geblieben, statt am Dienstagmorgen wieder Ljudmillas entzückenden Wortklängen zu lauschen... Nun sehen wir aber auch schon wieder einem neuen Ausflug entgegen: am Freitag geht es auf nach Moskau, von wo aus wir ab Sonntag eine Tour zu den ältesten Städten Russlands machen werden - ich werde natürlich bald wieder berichten, was es dort so zu sehen gibt! Lächelnd 

Bis dahin sende ich euch allen erst einmal ganz liebe Grüße und schicke euch ein paar Sonnenstrahlen rüber!! Lachend

Romina

Katzen bügeln und Teegeld geben

Sonntag, 01.04.2012

Мои дорогие товарищи!!! Liebe Genossinnen und Genossen!!! Zwinkernd

Es scheint, als hätte Petrus endlich ein Einsehen mit uns gehabt! Hatte ich letzte Woche beim Anblick der weißen Winterwelt vor meinem Fenster noch gedacht, das erste weiße Osterfest meines Lebens stünde unmittelbar bevor, so erreichte das Thermometer heute plötzlich Höchstwerte von 18°C!! Allerdings: heftige Gewitter und kurze Hagelschauer  inbegriffen. Und sobald das kühle Nass vom Himmel hernieder fällt, wandeln sich die schönen trockenen Wege wieder in matschige Schlammgruben und die Straßen werden aufgrund der schlecht ausgebauten Kanalisation schnell zu stromartigen Flüssen. Wer im Besitz von Gummistiefeln ist, holt diese nun heraus, wer keine besitzt - so wie ich - muss etwas Kreativität beim täglichen Weg zur Arbeit, bzw. zur Uni einbringen. Das Putzen meiner Stiefel habe ich  mittlerweile aufgegeben. Bringt nämlich nichts - sobald ich einen Schritt vor die Haustüre setze, sind sie wieder dreckig... Dafür wollte ich vor geraumer Zeit einmal das Bügeleisen austesten, welches ich in meinem  Kleiderschrank vorgefunden habe. Allerdings war es nicht funktionstüchtig, was sich bei näherer Betrachtung auch als nicht verwunderlich erwies - ich schätze also, meine Vermieterin hat es auf dem Weg zum Museum hier vergessen... Kann ja mal passieren... Zwinkernd Nun laufe ich also in ungebügelten Hosen und T-Shirts und in dreckigen Stiefeln durch die russische Frühlingswelt und freue mich über jeden einzelnen Sonnenstrahl. Ja - frau wird durchaus genügsam nach soooooo einem langen Winter. Lächelnd Leider  hinterläßt das Tauwetter aber nicht nur riesige Wasserlachen und Schlammgruben, sondern bringt auch Müll, Dreck und andere unschöne Dinge zum Vorschein, die die Schneemassen bisher verbargen. Umweltschutz ist eben nicht unbedingt eine russische Erfindung und hier auch noch nicht so stark ins Bewusstsein der breiten Bevölkerung vorgedrungen.

Am vorletzen Mittwoch zeigte sich das Wetter von seiner allerbesten Seite - musste es ja auch, denn ganzer hoher Besuch traf in Woronesch ein: Wladimir Putin höchstpersönlich besuchte eine landwirtschaftliche Ausstellung in der Stadt. Leider hat das gemeine Volk erst am Abend aus den Nachrichten davon erfahren. Das war natürlich etwas ärgerlich - ich hätte mich nämlich nur allzu gerne mit meiner Kamera auf die Lauer gelegt... Unentschlossen

Am letzen Montag wollte ich mir dann das Studentenwohnheim einmal näher anschauen. Ich habe eine deutsche Studentin kennengelernt, die dort wohnt und mir angeboten hat, mir einmal ihre Unterkunft zu zeigen. Nun kann man in russisches Studentwohnheim natürlich nicht so mir nichts, dir nichts hinein spazieren. Nö, nö - da gibt es strenge Regeln...  Wie in den Gebäuden der Uni gibt es auch hier im Eingangsbereich eine sogenannte "Wacht", d.h. eine Art "Rezeption" mit kleinem Wohnbereich. Dort sind dann in der Regel 1 bis 2 ältere Damen 24 Stunden am Tag zugegen und passen auf, dass keine Unbefugten das Gebäude betreten. Wenn man sich also, so wie ich, als Gast Zutritt zu den Heiligen Hallen verschaffen möchte, muss man natürlich erstmal den Reisepass vorlegen. Dann wird in einem kleinen Büchlein vermerkt, wer da das Gebäude betritt, wessen Gast man ist, wann man kommt und wann man wieder geht. Der Grund des Besuchs wird dann natürlich auch noch ganz unauffällig erfragt. Darüber hinaus gibt es in russischen Wohnheimen auch immer eine Sperrstunde: in der Regel schließen die Wächterinnen pünktlich 23:00 Uhr die Pforten und öffnen diese erst wieder am nächsten Morgen gegen 6:00 Uhr. Wer also bis 23:00 Uhr nicht daheim ist, hat Pech gehabt und muss zusehen, wo er die Nacht verbringt (logischerweise in den städtischen Bars und Clubs. Bei einer Tasse Tee... Zwinkernd).

Von innen war das Wohnheim für mich dann natürlich ein wenig erschreckend und mit dem Komfort meiner Wohnung  überhaupt nicht zu vergleichen: Der Korridor erinnerte mich stark an einen Gang in einem Gefängnistrakt, die Mülleimer in der Küche quillten auch schon fast über, Dusch- und Waschgelegenheiten sind  etwas gewöhnungsbedürftig und die Toiletten... mhm... na ja... sagen wir mal: in Russland ist ohnehin alles etwas gewöhnungsbedürftig. Allerdings meinte Nadine, die deutsche Studentin, dass dies schon eines der besseren Wohnheime sei und das in dem Wohnheim, in dem sie zuvor gelebt hatte, man sich die Küche auch des Öfteren mit netten kleinen Krabbeltierchen, also Kakerlaken, teilen musste.

Aufgrund der Wetterschwankungen sind die Möglichkeiten sich an der frischen Luft die Zeit zu vertreiben bisher etwas eingeschränkt gewesen und wir haben uns bisher meist irgendwo drinnen aufgehalten: Bowling, Aquarium, Kino und natürlich immer wieder Kaffee trinken gehen! Am interessantesten ist es natürlich, wenn man mit russischen Studenten die Zeit verbringt. Man lernt vieles über das allgemeine Leben oder über die Unterschiede im Schul- und Studiensystem und erfährt einiges über die Besonderheiten der russischen Sprache:  z.B. das man auf Russisch kein Trinkgeld, sondern Teegeld gibt und dass man Katzen nicht streichelt, sondern bügelt! Wenn euch also mal ein russischer Mitbürger bittet, euren vierbeinigen Freund bügeln zu dürfen, bitte nicht gleich in Panik verfallen!!! Mit Sicherheit will niemand eurem kleinen Liebling was Böses oder ihm gar das Fell ansenken... Zwinkernd

Leider muss ich gestehen, dass wir uns mit den russischen Studenten meist auf englisch oder sogar auf deutsch unterhalten. Das bringt unsere über alles geschätzte und hochverehrte Ljudmilla Ivanovna natürlich regelmäßig auf die Palme. Mittlerweile hat sie den russischen Studenten schon verboten mit uns in einer anderen Sprache als russisch zu kommunizieren und ein energisches "Ljudi!! Gaworitje po russkij!!" ("Leute!! Sprecht russisch!!!") tönt regelmäßig durch die Flure und Klassenräume, in denen wir uns gerade aufahlten. Ach ja - kaum zu glauben, aber sie wird mir noch immer jeden Tag  sympatischer... Bedauerlicherweise trennen mich nur noch 42 Stunden à 45 Minuten vom Ende des Kurses. Also nur noch 1.890 Minuten bis zum Ende der Knechtschaft. 113.400 Sekunden, die es irgendwie zu überstehen gilt... Ich beschränke mich jetzt auch nur noch darauf, hin und wieder mal zu nicken oder mit dem Kopf zu schütteln, wenn ich etwas gefragt werde, denn verstehen tue ich bei Ljudmilla nach wie vor nicht sehr viel. Ramina ist mit ihrer Einstellung zum Unterricht aber auch schon ziemlich unten durch und bekommt als Antwort auf ihre Lebensansichten in der Regel auch nur ein "Это не хорошо!!" ("Das ist nicht gut") zu hören... Nun - damit kann sie wohl leben. Zwinkernd Als ich dann einmal meinen mit viel Mühe und Liebe daheim geschriebenen Text über München vorlesen musste, wurde ich auch gleich nach zwei Sätzen unterbrochen: ob der Text wirklich von mir sei - das könne sie sich nämlich nicht vorstellen, der sei so gut... Aha. Und die Moral von der Geschicht': für den Russisch-Unterricht bemüh' dich besser nicht! Morgen früh wird sie wohl auch wieder in ihrem entzückenden schwarz-grauen Outfit vor uns stehen (das betont ihr freundliches Wesen natürlich ganz besonders gut!) und pausenlos auf uns einreden. Besonders nett wird es, wenn sie dann auch noch versucht, witzig zu sein. Ach jaaaa - was haben wir schon gelacht. Unentschlossen Schade nur, dass sie nicht als Clown zum Zirkus gegangen ist - ich meine, der Zirkus wäre zwar spätestens nach zwei Vorstellungen pleite, aber wir hätten immerhin unsere Ruhe vor ihr gehabt...

So, jetzt will ich mich aber nicht weiter ärgern - hier noch ein paar Fotos aus den letzten Tagen und Wochen:

Vor knapp einer Woche sah es noch so vor meinem Wohnblock aus... Tauwetter mhm... und jetzt?? Flur im Studentenwohnheim und die Toiletten... Übrigens sind sie in der Uni noch schlimmer... :( Feine Sache, so ein Bügeleisen... Noch cooler wäre es natürlich, wenn es auch funktionieren würde...

Wer sich jetzt wundert, warum ich denn das russische Osterfest mit keiner Silbe erwähnt habe: natürlich wird in Russland wieder an einem anderen Datum das Osterfest zelebriert - nämlich am kommendem Wochenende. Ja, ja - angeblich ist das noch auf den Julianischen Kalenders zurückzuführen, der hier bis zur großen sozialistischen Oktoberrevolution im Jahre 1917 galt. Man könnte aber auch meinen, Russland müsse sich halt mal wieder vom Rest der Welt der Welt abgrenzen... Ich werde euch also erst beim nächsten Bericht etwas zum Russischen Osterfest erzählen können! Lächelnd 

Wünsche euch noch einen schönen Ostermontag und sende euch ganz liebe Grüße!

Romina

Der neue alte Zar, sein Volk und das Erbe der Sowjetunion

Dienstag, 13.03.2012

Hallo, privjet and welcome back! Lächelnd

Höchste Eisenbahn, mal wieder was aus dem Wilden Osten zu berichten! Zwinkernd Fangen wir doch gleich mal mit DEM Ereignis des Monats an - den Putin-Wahlen am vorletzten Sonntag. Die haben bekanntlich gezeigt, dass fast 64% aller Wähler Zar Wladimir ihre Stimme gegeben haben. Nun, vielleicht waren es in Wirklichkeit ein paar weniger, aber mal ehrlich: auch ohne Manipulationen hätte der neue-alte Kremlchef wohl im ersten Wahldurchgang die absolute Mehrheit erhalten. Das mag sicherlich auch auf einen Mangel an Alternativen zurückzuführen sein und auf die Tatsache, dass man hier nach wie vor gerne einen starken Mann an der Spitze des Vielvölkerstaates sieht. Trotzdem machte das Volk seinem Unmut über die Wahlverfälschungen besonders in der Haupstadt so laut Luft wie nie zuvor. Das dürfte selbst Putin nicht ganz kalt gelassen haben. Allerdings sind solche Demonstrationen mit Sicherheit auf den bösen, bösen Westen und seinen schlechten Einfluss zurückzuführen - so oder so ähnlich erklärt es Putin jedenfalls  gern auf den Parteitreffen seiner Partei "Einiges Russland". Interessant finde ich übrigens, dass Putin zwar Vorsitzender dieser Partei ist, aber kein Mitglied. Wie das geht? Keine Ahnung - aber in Russland geht so ziemlich alles... Zwinkernd

Nun sind die Proteste aber ersteinmal ausgestzt. Bis Mai. Dann wird Wladimir Wladimirowitsch Putin nämlich auch wieder ganz formell der erste Mann im Staate sein - und dieses mal sogar für geschlagene sechs Jahre! Das haben wir unserem noch amtierenden Präsidenten, Dimitrij Medwedew, zu verdanken, der 2008 als eine seiner ersten Amtshandlungen eine Verfassungsänderung in die Wege leitete. Ob das alles so ganz rechtens war, soll mal dahingestellt bleiben...  

Im Gegensatz zu Moskau ist es in Woronesch relativ ruhig geblieben: ich habe zumindest nichts von irgendwelchen Protesten mitbekommen. Wenn es also welche gab, sind sie wahrscheinlich genauso schnell dahin geschmolzen wie die Schneemassen vor meinem Fenster während der ersten warmen Sonnenstrahlen. Woronesch rüstete sich ziemlich schnell für ein Ereignis ganz anderer Art: den Internationalen Frauentag. Seit Sowjet-Zeiten kommt dem 8.März eine besondere Bedeutung zu und auch heute ist er noch ein offizieller Feiertag in Russland und anderen ehemaligen Sowjet-Republiken. Schon am Vortag nahm die Zahl der Blumenverkäufer am Straßenrand überhand und am letzten Donnerstag wurde dann um die Wette gekauft. Blumen und Pralinen statt Emanzipation?? Schwer zu sagen... Zwar heiraten viele Russinnen oft noch relativ jung (ich liege zum Beispiel auch schon über dem Durchschnitt... Zwinkernd) und sind - neben Vollzeitjob - in erster Linie für Haushalt und Kindererziehung zuständig, aber auch hier ändert sich so langsam das klassische Rollenbild. Zum Beispiel zieht es mittlerweile viele junge Leute ins Ausland und natürlich verlassen auch viele ihre Heimatstadt, um sich in Moskau oder St. Petersburg ein besseres Leben aufzubauen. Ist ja in vielen Ländern  auch der Fall.

Aber nochmal zum 8.März: da dieser Tag nun dummerweise ausgerechnet auf einen Donnerstag fiel, hatte man kurzerhand beschlossen, den Verlauf der Woche etwas "abzuändern". Der Freitag wurde somit zum Sonntag erklärt, der Sonntag dafür zum Freitag degradiert. Ja, auch das geht in Russland. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob dass nun nur an unserer Uni, in Woronesch, an allen Unis oder im ganzen Land oder weiß-ich-nicht-wo der Fall war... Unentschlossen Jedenfalls mussten wir dann am Sonntag drei nicht enden wollende, grauenhafte Stunden Russisch-Unterrichts bei Ljudmilla Iwanowna über uns ergehen lassen. Ein Albtraum. Stirnrunzelnd Die Tatsache, dass wir Russisch-Unterricht bei Ljudmilla Iwanowna haben, bringt uns bei jedem russischen Kommilitonen, der davon erfährt, erhebliches Mitleid ein, denn nicht nur bei uns internationalen Studenten ist der resolute Drache mit der undefinierbaren Stimmlage äußerst unpopulär, sondern eben auch bei den russischen Studenten. Allgemein bekannt ist diese äußerst sympatische Dame hier auch schlicht als ljudi (Leute auf Russisch) - ein Wort, dass sie pausenlos in den Raum wirft und eines der wenigen Wörter, die ich verstehe. Leider kann ich nämlich ihren Ausführungen über Gott und die Welt und über ihre Lieblings-TV-Serien nicht so ganz folgen. Erschwerend hinzu kommt, dass Ljudi-Ljudmilla weder dem Englischen, noch dem Deutschen, noch sonst irgendeiner Sprache ansatzweise mächtig ist, sodass man ihr auch rein gar nichts mitteilen kann... Unentschlossen Einziger Pluspunkt: da sie wohl einsehen musste, dass man Anfängern die russische Grammatik nicht komplett auf russisch erklären kann, ist sie dazu übergegangen, seitenweise aus einem deutschen Lehrbuch abzukopieren, in dem anhand von Beispielen vieles sehr gut erklärt wird. Da dieses Lehrbuch noch aus tiefsten Sowjetzeiten stammt, erweitere ich mein Vokabular nun beständig um solche Wörter und Wortgruppen wie "das Gefecht", "Ruhm den Helden" oder "Frieden in aller Welt". Zwinkernd

Gut, wenn man nach einer frustierenden Russisch-Stunde Freizeit hat und die angestauten Aggressionen beispielsweise beim Schlittschuhlaufen wieder abbauen kann. So war ich am Sonntag auch mit einer Kommilitonin in einem Einkaufs-Center mit Freizeitpark samt riesiger Eisfläche. Bedauerlicherweise musste ich feststellen, dass ich zwischen meinen russischen Mitbürgern eine ziemlich kümmerliche Gestalt abgab. Stirnrunzelnd  Es scheint mir nämlich fast so, dass der klassische Russe erst das Laufen auf den Kufen erlernt, bevor er sich, so wie wir, auf zwei Füßen fortbewegt. Das erklärt mir zumindest, warum manch eine 6-Jährige wie Kati Witt durch die Gegend hüpft, während ich bemüht bin, das Gleichgewicht zu halten... Na ja. Muss wohl noch üben, dann wird das ganz bestimmt... Lachend Insgesamt sind die Wintersportarten hier natürlich sehr beliebt: neben dem klassischen Schlittschuhlaufen und dem Eishockey als Nationalsport, ist auch Langlauf sehr populär - so begegnet man im Bus immer wieder Leuten mit Ski in den Händen. Ferner scheint der typische Russe auch kein Kälte-Wärme-Empfinden zu haben: so kann man an einem sonnigen Vormittag schon mal den russischen Nachbarn beobachten, der bei frostigen Minusgraden liebevoll seinen neuen VW Passat vom Straßenschmutz befreit, seinen Grill im Garten aufbaut, um das erste Schaschlik darauf zu garen oder in T-Shirt und kurzer Hose durch die nahegelegenen Wälder joggt. Da muss ich mich dann zusammenreißen, dass ich nicht schmunzle - das geht nämlich gar nicht!! Ljudi: Bitte in Russland immer schön grimmig dreinblicken, sonst denken die Russen irgendwas wäre mit ihnen verkehrt (habe ich neulich in meiner Vorlesung über Russische Kultur gelernt... Zwinkernd). Daran muss man sich als freundlicher Zeitgenosse aus Westeuropa natürlich erst mal gewöhnen...

So, ljudi, das war's erstmal wieder von mir! Hier sind noch ein paar Bilder von einem Ausflug in eine Ausstellung regionaler Künstler/Handwerker und einige von der Stadt und der Uni:

Die Haltestelle in der Nähe der Uni und unsere Fakultät von außen Der Sitz von Putins Partei nein, für den russischen Geschmack sind diese handgefertigten Exponate in der Ausstellung nicht kitischig... Maschenka und Iwanuschka waren auch dabei und unseren Jungs ist die Begeisterung regelrecht ins Gesicht geschrieben... ;)

Liebe Grüße aus der Putin'schen... äh - Russischen Föderation von eurer nun immer schön grimmig dreinschauenden Ramina Lachend

„Ahhhh – du gehst nach Russland! Nach Moskau?“ – „Nein, nach Woronesch.“ – „Hä?? Wohin?“

Sonntag, 04.03.2012

Liebe Russland-Freunde und alle, die es noch werden wollen, Zwinkernd

ja, genau: ich bin in Woronesch, bzw. Voronezh im Englischen oder Воронеж in der Landessprache. Die Stadt liegt rund 500 km südlich von Moskau - für russische Verhältnisse also quasi direkt um die Ecke. Trotzdem ähnelt Woronesch  in keiner Weise der Hauptstadt, sondern ist eine ganz und gar eigene Welt, die irgendwo zwischen altem Russland, sowjetischem Erbe und dem Sprung zur Moderne steht.

Zugegeben: am Anfang ist es erst einmal ein ziemlicher Kulturschock, auch wenn man, so wie ich, zuvor schon mal in Russland war.

Etwas seltsam war es am Montag ohnehin, als ich nach Woronesch aufgebrochen bin, da ich eigentlich nicht mehr wusste, als dass Alexander mich vom Flughafen abholt und zu meiner Wohnung bringt... Nun, zum Glück hat das mit dem Flug alles super geklappt und Alexander war dann auch wirklich am Flughafen! Zwinkernd

Ich habe eine wirklich sehr schöne Wohnung - alles auf westlichem Standard, was hier nicht unbedingt normal ist. Nur die Heizung - die bringt mich noch um!! Stirnrunzelnd Das Ding lässt sich nämlich partout nicht regulieren und da man hier mit dem Erdgas nicht so sparsam umgeht, habe ich gute 27°C in allen Räumen. Frostbeulen kann ich daher ein Wintersemester in Russland nur wärmstens empfehlen!!!

Hier mal Fotos von meiner Wohnung - zum Vergrößern bitte einfach anklicken!

 

meine Wohnung: links geht's zur Küche und zum Balkon, rechts zum Schlaf-/Wohnzimmer...und nochmal meine nette russische Küche - ob die Russen ihre Vorliebe für gemusterte Tapeten je überwinden werden?   Wird wohl noch eine Weile dauern, bis der kleine Lada vor meinem Fenster wieder richtig losdüsen kann...

Dummerweise liegt mein neues Zuhause etwas außerhalb - so braucht man mit dem Bus oder der Maschrutka (Kleinbus) etwa eine halbe Stunde bis ins Stadtzentrum - zu den Stoßzeiten mit hohen Verkehrsaufkommen natürlich auch mal etwas länger... Mit den Bussen ist das natürlich auch so eine Sache: Zeitpläne gibt es hier nicht, man stellt sich eben einfach an die Bushaltestelle und hofft, dass der richtige Bus bald kommt. Bezahlt wird jedes mal direkt beim Fahrer oder auch bei einer Art Schaffner, der im hinteren Busteil mit seiner Kasse auf dem Schoß sitzt. In den Bussen fühlt man sich dann fast schon etwas heimisch, da es sich in der Regel um unsere ausgemusterten Busse aus den frühen 90er Jahren handelt - was sehr gut an den deutschen Beschilderungen zu erkennen ist. Zwinkernd  Da macht es einem dann auch fast nichts aus, wenn der verrückte russische Fahrer über die von Schlaglöchern durchzogenen Straßen brettert...

Das Stadtzentrum der etwa 850 000 Einwohner zählenden Stadt ist relativ hübsch - leider ist ein Großteil der alten Gebäude während des zweiten Weltkriegs zerstört worden, sodass viele Gebäude im sowjetischen Stil neu erbaut worden sind, teilweise auch im sogeannten (stalinistischem) "Zuckerbäckerstil". Die Stadt verfügt über mehrere Theater, sehr schöne neu errichtete Kirchen, Parks und zahlreiche Denkmäler. Hauptstraße ist der Prospekt Revoljuzii ("Prospekt" ist im russichen die Bezeichnung für eine Pracht-/Hauptstraße), wichtigster Platz der Lenin-Platz, mit dem obligatorischen Denkmal von "Onkel" - bzw. "Opa" für die jüngeren Russen - Lenin.

eines von mehrern Theatern in der Stadt Ein Denkmal für den in Russland überall ziemlich verehrten Dichter und Schriftsteller Alexander S. PuschkinWoronesch rüstet sich für die Präsidentschaftswahlen

...und er darf natürlich in keiner russischen Stadt fehlen: Opa Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als LeninProspekt Revoluzii im Stadtzentrumhübsche Kirchen gibt es hier natürlich auch - diese hier zum Beispieloder die Mariä Verkündigungskathedrale im Stadtzentrum

Außerhalb des Stadtzentrums wird mir aber immer wieder bewusst, dass Russland irgendwo zwischen Entwicklungs- und Industrieland schwankt: es gibt mehrere große und sehr moderene Einkaufszentren, aber auch recht heruntergekommene Wohnviertel. Der Supermarkt in dem ich immer einkaufen gehe, weil er am nächsten zu meiner Wohnung gelegen ist, ist auch etwas gewöhnungsbedürftig: er ist riesig - aber dummerweise ziemlich leer. So gibt es derzeit in der Obstabteilung nur die Auswahl zwischen Äpfeln, Äpfeln und... ach ja: Äpfeln! Na gut: überteuerte Weintrauben und ein paar Orangen sind auch noch im Angebot. Und Marmelade habe ich auch immer noch nicht gefunden. Na ja, ich werde mir wohl mal noch einen anderen Supermarkt suchen müssen.

Natürlich ist die einzige Sprache, die die Leute hier sprechen russisch, was meist eine ziemliche Herausforderung ist... Unentschlossen Zum Glück hatte ich in der ersten Woche eine liebe russische Studentin an meiner Seite, die mich überall hin begleitet hat und am Freitag auch hier war, als der nette Internet-Mensch mir in der Wohnung mein Internet installiert hat. Ja, das war auch wieder so eine Geschichte mit dem Resultat, dass ich jetzt ein ziemlich großes Loch in der Hauswand habe... Was meine Vermieterin, die ich noch nicht kennengelernt habe, dazu sagen wird - öhm... na ja... Dumdidumdidum... Unschuldig

Außer mir gibt es an unserer Fakultät nur noch vier österreichische Austauschstudenten, die - laut Aussage des Internaional Office - ganz in meiner "Nähe" wohnen - nämlich schlappe 35 Minuten zu Fuß von mir entfernt Stirnrunzelnd Na ja - Russen und ihre Vorstellungen von Nähe - das ist schon ein spezielles Thema... Tagsüber ist das natürlich auch kein Problem hier jemanden zu besuchen, aber am Abend ist es dann leider etwas schwieriger. Jedenfalls haben wir auch zusammen Vorlesungen - morgen geht's  los. Ich bin gespannt.

Heute finden aber erstmal unsere Präsidentschaftswahlen statt und irgendwie habe ich so eine leise Vermutung, wer da wohl gewinnen könnte... Mhm. Komisch... Mit Sicherheit wird es heute oder morgen auch hier Proteste geben - schon gestern stieg beispielsweise eine sehr erzürnte Dame in den Bus ein und wetterte gegen Putin und den vermeintlichen Wahlbetrug. Interessant ist, dass die russischen Studenten hier sehr viel über Politik sprechen - ich dachte immer, dass sei  mehr oder weniger bei allen Generationen ein Tabu-Thema. An Putins Sieg zweifelt aber niemand.     

Ich bin sehr gespannt, was noch so alles passieren wird und werde euch natürlich auf dem Laufenden halten!

Liebe Grüße aus dem frostigen Osten!

Romina (oder Ramina, wie die Russen immer sagen...)